News Nr. 4 | 2020

1. Die Formel für eine tolle Motivationsrede

Das hier ist eine klassische kurze Motivationsrede einer US-Amerikanerin. Ich habe von Frau Dr. Bertice Berry nie zuvor gehört. Das Erste, was ich von ihr gehört habe, war diese Rede hier:

Transcript als PDF

Die Videoaufnahme an sich gibt – vordergründig – nicht viel her. Ganz einfach mit einem Smartphone gefilmt. Keine extra Beleuchtung. Kein eigenes Setting. Keine Studioqualität. Nichts Besonderes.

Nichts Besonderes? In diesem Fall paßt das gut.

Inwiefern?

Weil es in der ganzen Rede – vordergründig – um nichts Besonderes geht. Eine nicht besondere Geschichte eines nicht außergewöhnlichen Mädchens und von ein paar ganz gewöhnlichen Frauen mit einem nicht so besonderen Beruf. Vordergründig wohlgemerkt.

Inhaltlich geht es um einen Rat einer erfahrenen Putzfrau an ein junges Putzmädchen und was daraus geworden ist und wie man das ins Leben ganz allgemein übertragen kann.

ABER – und mein Rhetorikerherz hüpft vor Freude - das ist ja auch die Botschaft:
Jeder noch so nicht-besondere Mensch hat das Besondere, mit dem er strahlt und leuchtet.

Und Bertice Berry sagt das in einer ganz schlichten Art durch ihr Smartphone – so aufgenommen, daß man sich denkt (obwohl das Gegenteil stimmt): hey, guter spontaner Einfall, gut spontan geredet, gut spontan gedreht und schnell ins Netz gestellt.

Wumm! Wow! Was für ein Weib! (Anm. f. Feminist*INNEN: Für einen Mann wie mich ist das ein Ausruf der Begeisterung über eine richtige Frau!)

Und mit was für einer Botschaft! Ich fasse sie mit diesen Sätzen zusammen:

Always clean the light! – There’s a light inside of each of us. – Your light needs to be nurtured and loved and cared for. – Shine your light! – The world needs you to shine.

Diese Motivationsrede ist eine rhetorisches Gesamtkunstwerk, das in sich harmonisch und schön ist und wirkt.

In einem professionellen Studio siebenundzwanzig Mal aufgenommen und dann ebenso professionell die jeweils besten Aufnahmen ganz toll zusammengeschnitten und mit einem Sound versehen, der Dich ins Schwingen versetzt?

Frau Berry Bertice hätte das locker auf die Reihe gekriegt mit der Showerfahrung, die sie in den USA gesammelt hat. Hätte das dieser Rede aber gut getan?

Ich sage Ihnen: So, wie sie das hier gemacht hat, war es goldrichtig. Warum? Weil die Geschichte, ihre Botschaft und diese Aufnahme das Schlichte und Wahre so gut wiedergeben. Es paßt einfach alles zusammen.

Die kurze Motivationsrede von Frau Berry ist nicht nur wegen der Art des Videos und wegen ihrer selbst so gut gelungen, sondern weil sie auch sehr gediegen geschrieben worden ist.


Eine gute Rede erkennt man an ihrer guten Struktur.

Weil Bertice Berry so dialogisch, persönlich erzählt hat (wichtig für eine Motivationsrede, daß sie eine Geschichte aus der Praxis des Lebens erzählt) hat sie gut daran getan, nicht mit erstens, zweitens und drittens daherzukommen.

Die Rede soll ja weniger analytisch die ratio füttern; sondern sie soll mehr die emotio berühren und bewegen. Darum hat sie uns bildlich gesprochen freundlich lächelnd an der Hand genommen und hat uns unterwegs einiges gezeigt. Und am Schluß hat sie uns selbst entdecken lassen, daß das ja alles mit uns zu tun hat.

Die Struktur ist hier im PDF für Sie sichtbar gemacht


Was ist das Spezifische am Motivieren?

Daß ich jemanden auf dem Wege der Ermutigung dazu bringe, etwas Konkretes zu tun, zu dem er sehr wohl in der Lage ist und das ihm gut tut und vielleicht sogar den andern um ihn herum.

Bertice Berry tut das hier, und darum ist das auch wirklich eine Motivationsrede. Sie geht von etwas Konkretem aus, das jeder in sich hat. In dem Fall ist es das Licht: Es liegt auf der Hand, was sie damit meint, Begabung etwa oder ein Talent, Können, Charakter, Fähigkeit, besondere Erfahrung auf einem Gebiet – das interpretiert dann der Hörer schon für sich.

Und nun geht es „nur mehr“ darum, sich a/ dessen, das da ist, bewußt zu sein und b/ daß man das nicht verstauben und brachliegen läßt, sondern es wartet, gebraucht, beübt, bespielt, aktiviert. In dem Fall der Rede ganz allgemein: das Licht unterm Scheffel hervorholen, ihm geben, was es zum Leuchten braucht und dann strahlen lassen.

Frau Dr. Bertice hat eins goldrichtig dazugetan: den Sinn des Ganzen: Die Welt braucht Dich zum Scheinen.

Fachchinesisch nennen wir das den indikativischen Imperativ.

Richtige Motivation ist immer indikativischer Imperativ: Weil Du ein Licht bist (Indikativ), darum scheine, bring Dich zum Leuchten (Imperativ)!

Weil Du ein Tänzertyp bist, tanze. Weil Du so gut zuhören kannst, höre zu. Weil Du unglaublich geschickt bist, entwickle eine Profession daraus! Weil Du Tiere liebst, mache etwas für sie.

Die allerbeste Motivationsrede würde mich zu keinem Tänzer machen, denn Tanzen ist nicht in mir angelegt; dasselbe gilt für Buchhaltung, denn Zahlentabellen sind in mir nicht drin. Niemand, nicht einmal der allerbeste Motivationsredner kann mich dazu motivieren.

Warum ist das so? Weil der passende Indikativ in mir fehlt. Der Imperativ ohne Indikativ würde mich nerven, schrecken oder entmutigen und depressiv machen.

Anmerkung: Das ist nicht nur in der Rhetorik der Motivationsrede so wichtig, sondern allgemein in der Talenteentwicklung und -förderung bei Kindern und Jugendlichen und bei der Personalentwicklung in Firmen: der Zusammenhang Indikativ-Imperativ. Spezialfall: Pubertät: Gibt es da überhaupt einen Indikativ? Es führt zu weit, zurück zur Rede...

Bertice Berry hat ihren Doktor nicht umsonst. Sie ist amerikanische Soziologin (ist etwas anderes als EU-Soziologen, die Profitmachen und freie Marktwirtschaft, Leistung und Lohn oft mit scheelen Augen betrachten): Sie redet auch nicht-ideell vom Erfolgserlebnis und dem Extralohn, der dem Ausführen des indikativischen Imperativs folgt: Das Putzen der Lampen hat sich auch geldmäßig gelohnt. Pay her extra!


Meine Formel für die Motivationsrede:
Motivationsrede = indikativischer Imperativ + Sinn (ideell) + Nutzen/Vorteil/Profit
Indikativischer Imperativ + Sinn (ideell) + Nutzen/Vorteil/Profit = Motivationsrede


Darum ist es immer gut, bevor wir uns anschicken, eine Motivationsrede zu halten, den genauen Gegencheck zu machen und uns zu fragen, ob wir alle 3 Dinge der Formel oben positiv und sehr konkret benennen und mit konkreten realistischen Beispielen belegen können.

Mein Tipp für die Vorbereitung einer Motivationsrede:

Wenn Sie etwa ein Chef sind und eine Motivationsrede halten wollen, prüfen Sie vorher:

  • Sind die Voraussetzungen gegeben, die für das realistische Motivieren zum Thema XY notwendig sind: alle Arten von Ressourcen und Fähigkeiten und Gegebenheiten = der Indikativ, den ich ja für den sinnvollen Imperativ brauche?
  • Ist der allgemeine ideelle Sinn des Motivationsthemas XY zu erschließen, zu zeigen und mit den Hörern der Rede zu teilen?
  • Ist ein Erfolgserlebnis, ein Profit, ein Nutzen realistisch zu erwarten und damit auch zu verheißen und in Aussicht zu stellen?

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen für Ihre nächste Motivationsrede! Und wenn Sie irgendwo eine hören, und es macht Ihnen Spaß, prüfen Sie mal, ob da meine Formel aufgegangen ist.
Wenn Ihnen etwas unter Ihren Fingernägeln brennt und Sie spüren: Ich müßte jetzt eine richtig gute Motivationsrede halten zu meiner Mannschaft, dann stehe ich Ihnen gerne zur Seite. Machen wir aus Ihrer Idee eine so richtig gute Motivationsrede!


2. Wissen Sie, was das ist? Ein Possibilist?

Ich habe es bis vor kurzem auch nicht gewußt. Es gibt aber jemanden, den Sie wahrscheinlich auch kennen, der sich einen Possibilisten nennt.

Altbundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel erzählt in einem Interview folgendes:

Auf die Frage ‚Sind Sie Optimist oder Pessimist?‘ habe ich früher immer geantwortet: ‚Optimist, denn Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst.‘ Heute gefällt mir der dritte Begriff, er stammt von Hans Rosling, besser. Ein Possibilist findet immer eine bessere Alternative und schafft sich und anderen eine bessere Welt.

Wer ist Hans Rosling? Ich habe nachgesehen: ein Schwede, leider schon 2017 verstorben, Mediziner und Statistiker. Wieso nur erinnert mich das jetzt an die Gegenwart?

Dr. Rosling war hochangesehener Professor, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in die internationale Politik eingebracht hat. Dort wird er wohl nicht lethargisch in Alternativlosigkeiten gedacht haben, sondern sich ganz praktisch als Possibilist engagiert haben. Fragen Sie Dr. Google und Sie werden schnell fündig werden.

Ich bin froh, daß ich das Wort Possibilist kennengelernt habe. Wie Zitate sammle ich auch neue Begriffe oder für mich neue Wörter aus dem alten oder modernen Deutsch. Sie lassen sich oft wunderbar in guten Reden verwenden.

Possibilist. Nehmen Sie dieses Wort auch in Ihren Wortschatz auf?

Froh bin ich auch darüber, daß ich den Sachen immer auf den Grund zu gehen versuche. Nur so konnte ich eine weitere Entdeckung machen. Was mir beim Recherchieren zu Hans Rosling in die Hände gefallen ist, ist wirklich einmalig.

Ich habe Prof. Rosling eine Statistik derart unterhaltsam präsentieren gesehen, daß ich Ihnen das in einem eigenen Artikel zeigen muß. Sie werden staunen!

Das Interview mit Dr. Schüssel ist anläßlich seines 75. Geburtstages am 7. Juni 2020 in der Kronenzeitung vom 31.5.2020, S.40 ff. erschienen; das oben Zitierte: a.a.O., S.40. Online nachlesen.

Bildquelle © Foto von Reinhard Holl: krone.at


 3. Was kann man präsentieren wie ein Fußballspiel? Eine Statistik über Fertilität.

Es ist eine Zufallsentdeckung, die ich da gemacht habe.
In einem Interview mit Altbundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel habe ich den Namen des schwedischen Mediziners und Statistikers Hans Rosling gelesen. Neugierig geworden, habe ich nachgeforscht.

Wie es beim Surfen so ist, klicke ich auf ein Video, das Prof. Rosling bei einem TED-Vortrag zeigt. Es geht um Statistiken und Daten. Klingt öde. Ist es aber nicht.
Warum nicht?

Er präsentiert sie nicht in der üblichen üblen PowerPoint Variante, wie sie alle Mitarbeiter, Manager und Vorstände von Konzern-, NGO-, Uni- und ähnlichen Biotopen unzählige Male über sich ergehen lassen müssen.

Er macht das ganz, ganz anders. Ich schreibe jetzt bewußt keine genaue Analyse. Ich will Sie das selber entdecken lassen. Sie werden schon nach den ersten fünf Minuten erkennen, was da ganz anders ist als sonst.

Daß das im grauen Alltag nicht immer und in jedem Meeting so gehen kann, liegt schon aus Zeitgründen auf der Hand. Nicht immer heißt aber: sehr wohl manchmal.

Besonders dann, wenn es um etwas Besonderes oder um einen besonderen Anlaß und besondere Zuhörer geht, lohnt sich die Zeitinvestition in die Rosling-Präsentationsmethode.

Mit diesem Video will ich Sie anspornen und ermutigen, Ihren Präsentationen auch eine Geschichte zu geben und diese Geschichte dann auch wirklich gut zu erzählen. Denn in jeder Präsentation, auch bei ödest aussehenden Zahlentabellen, geht es ja immer darum, daß da etwas geschehen ist, weil da jemand etwas getan hat, worüber man – neudeutsch – reportet.

Darf ich Sie einmal in Ihrer Kreativität für eine Präsentation unterstützen? Ich tue das sehr gerne. Der Applaus wird Ihnen gehören. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!! Sie sind willkommen.

Nun draufklicken, zurücklehnen und genießen!

Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.

Anmerkungen:

  1. Natürlich ist bei dieser Videoaufnahme aus 2006 (14 Jahre her) davon abzusehen, daß wir die Präsentationsoberfläche nicht im selben guten Blickwinkel sehen wie die Zuhörer dort und auch davon, daß es hier nicht um Lehre geht (dafür viel zu temporeich, sprunghaft und komprimiert). Hier geht es lediglich um das Vermitteln eines ganz neuen Blickwinkels auf die gängigen Klischees, die wir in bezug auf Entwicklungsländer haben. Es hat dort im Anschluß auch die Möglichkeit der Debatte gegeben.

  2. Im Video oben haben Sie den Hinweis auf gapminder.org gesehen. Da gibt es eine sehr spannende Doku namens The Joy of Stats von Hans Rosling zu sehen.

Bildquelle © Foto von David Shankbone Wikipedia


4. Beachtliche Sätze

Des Volkes Stimme.

Die Männer sind ja schon sehr emanzipiert. Sie können waschen, bügeln, kochen.

Eine Frau sucht eine Antwort auf die Frage, warum es heutzutage so schwer ist, einen Mann für eine Beziehung, hingegen so leicht, ihn lediglich für den Spaß zu finden. Aufgeschnappt in der Barbara Karlich Show am 24. Mai 2020.

Dieser Satz kommt mitsamt Angabe zum Kontext in meine Zitatensammlung. Es wird mir ein Vergnügen sein, ihn bei einem passendem Redethema zu zitieren. Der Satz bringt auf jeden Fall Schwung in die Bude.

Zeugenaussagen vor der Polizei.

Tatjana Gudenus über die Ibiza-Oligarchennichte:

Sehr arrogant. Sehr schlank. Volle künstliche Lippen. Sehr russisch aussehend. Exklusiv angezogen. Teurer Schmuck. Eben exakt wie eine neureiche Russin.

Der Maybach-Chauffeur über dieselbe Dame:

Ich weiß, wie reiche Russen ausschauen. Ich hab sofort gesehen, dass die eben keine reiche Russin ist. Das sieht man an der Bewegung, wenn jemand reich ist. Da hat nichts gepasst. Nicht einmal Trinkgeld hab ich bekommen.

Diese Kombination zweier ganz konträrer Aussagen hat einen hohen Zitationswert. Die hebe ich mir auch auf. Sie passt wunderbar als kleine anekdotische Passage in eine Rede, wenn es etwa um unsere Wahrnehmungsfilter geht oder um Kompetenz und Expertise, um emotionale Intelligenz und Lebenserfahrung.

Oder um Kitsch und Schönheit: Schoaf ist etwas anderes als schön. H.C. Strache hatte es erkannt – fällt mir gerade so ein.

Quelle: Post von Jeannée, Kronenzeitung, 31.05.2020, S.33.

Résumé von Jeannée

Und die Moral aus dieser Gschicht: Man vergesse niemals die Chauffeure nicht!

Wer den Wert eines jeden Menschen, der in seinem jeweiligen Beruf Jahre, gar Jahrzehnte gearbeitet hat, hoch schätzt, kann unglaublich viel von dessen Erfahrungsschatz profitieren. Wenn ich darüber in einer Rede rede, kommt mir die Anekdote mit dem Maybach-Chauffeur sehr zugute.

Ich habe gerade Lust auf Maybach bekommen. Hier zeige ich Ihnen einen mit Chauffeur. Link zur Bezugsquelle ist im Bild hinterlegt.

M25 Chauffeurs Ltd provides a selection of stunning Maybach 62 chauffeur-driven vehicles for your convenience and consideration.

Nun fahre ich aber fort:

Wenn Sie oft Reden reden oder für jemand Reden schreiben, sammeln Sie zwischendurch gute Sätze und gute Anekdoten! Die besten finden Sie nicht in den Weisheiten aus China, sondern beim Fernsehen, Zeitunglesen und in der Kantine.

Dem Volk auf’s Maul schauen

ist auch ein Zitat. Von Martin Luther.


5. Können Sie nicht frei reden? Dann lesen Sie vor – aber sehr gut!

Am 12. Juni 2020 wird Otto Schenk 90 Jahre alt.

Anläßlich der Herausgabe ihres gemeinsamen Buches zeigte der ORF einen Ausschnitt aus einem Gespräch der beiden Herren Michael Horowitz (H) und Otto Schenk (S):

S: Mein großes Glück ist, daß ich mir mit meinem größten Hobby, das ich habe, mit dem Lesen, durch das Vorlesen eine zweite große Karriere gemacht habe. Also ich gelte als guter Vorleser. Es kommen Leute, und hören zu.

H: Viele kommen.

S: Es ist immer ausverkauft. Was mich ja immer wundert, warum geht man dorthin?

H: Und heat an zua, der was vorlest. [Und hört jemandem zu, der etwas vorliest.]

S: Ja.

H: Na, du mußt gut sein, oder?

S: Naaa, so gut bin i ja net. Aber man muß – verführen wollen.

Genau das ist es! Schenk hat es auf den Punkt gebracht.

Was unterscheidet den total faden Vorlese-Redner von dem grandiosen Vorlese-Redner?

Man muß verführen wollen. Mit seiner Rede etwas bewirken wollen. Mit seiner Rede etwas tun wollen. Und zwar an und mit den Leuten, denen die Rede eben gilt.

Ich bin oft sehr zornig auf Redner. Nicht, weil sie etwa vorlesen. Nein – obwohl natürlich das freie Reden das Ideale der Rhetorik ist.

Zornig bin ich, wenn der Redner schlecht vorliest. Da werde ich echt grantig. Weil das ist nichts anderes als Faulheit (er hat nicht geübt), Ignoranz (es interessiert ihn in Wirklichkeit nicht) und Arroganz (es interessieren ihn die Hörer nicht).

Otto Schenk: Naaa, so gut bin i ja net. Aber man muß – verführen wollen.

Zwei Gebote für Vorlese-Redner:
  1. Du mußt verführen wollen!

    Die Quintessenz der Redevorbereitung ist die Verführung.

    Was heißt das? Daß Sie als allererstes eine Entscheidung treffen: Was will ich denn mit dieser Rede tun?

    Was kann ich denn tun wollen? Ein paar Beispiele? Gerne:

    Ich will ermutigen, zum Lachen bringen, trösten, ermahnen, stärken, angreifen, warnen, beruhigen, kämpfen, sammeln, solidarisieren, zeigen, lehren, schrecken, drohen, besänftigen, nachdenklich machen, Illusionen zerstören, befehlen, verhindern, aufstacheln, antreiben, deutlich machen, loben, kritisieren, ablenken, überzeugen, bewegen, vergessen machen, erinnern, erheitern, provozieren, schlichten, Bilder entstehen lassen, bezaubern, verzaubern gar, entzaubern, propagieren, werten oder umwerten, durcheinanderbringen, auseinanderdividieren, zusammenschweißen, führen, werben, umwerben, Menschen gewinnen, Ideen multiplizieren, senden, einigen, aufdecken, zudecken.

    Und wenn ich Massenhypnotiseur bin, aber nur dann, will ich bewirken: einschlafen.

  2. Du mußt üben, üben, üben!

    Die Rede ist fertig? Na, dann üben Sie sie verdammt noch einmal so richtig gut ein! Verzeihen Sie, ich bin grad grantig auf die faulen Schlecht-Vorleser.

    Die Rede einüben kann jeder, soll jeder und muß jeder. Da gibt es weder Ausreden noch eine Entschuldigung. Und selbst, wenn Sie ein Handicap haben mit einem Sprachfehler oder mit Ihrer Stimme:

    Ich garantiere Ihnen: Wenn Sie verführen wollen, dann wird Ihnen das ganze Unterfangen wunderbar gelingen.

    Ihre Hörer werden Ihnen dafür danken! Der Applaus wird Ihnen gehören! Das ist fix!

Mich drängt es jetzt, Ihnen von einem meiner Auftraggeber zu erzählen, vor dem ich allerhöchsten Respekt habe.

Er ist Unternehmer in seinen Sechzigern. Ein ganz, ganz untalentierter Redner; von freier Rede keine Spur. Er will aber unbedingt reden. Mitarbeiter. Branchentreffen. Kunden. Und das weltweit, also englisch und deutsch.

Was tut er? Wenn wir die Rede fertig geschrieben haben, dann übt er sie mit mir ein. Und seine Frau erzählt mir, wenn wir mit dem Üben fertig sind, übt er seine Rede zu Hause noch weiter.

Und ich sage Ihnen: Ob er seine Rede über Video-Live-Stream hält oder in direkter Begegnung mit seinen Hörern, sie hängen an seinen Lippen. Er liest nämlich sehr gut vor.

Otto Schenk: Naaa, so gut bin i ja net. Aber man muß – verführen wollen.

Bildquelle Schenk, Das Buch. Ein intimes Lebensbild: amazon.com


6. Manipulationstechniken im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?  

Meine subjektiven Beobachtungen während einer Nachrichtensendung der ARD.

Demonstrationen gegen die Coronapolitik finden in vielen Ländern der EU statt. Unterschiedlichste Menschen aller weltanschaulichen Richtungen nehmen teil. Auch die inhaltlichen Forderungen sind sehr vielfältig. Da geht es um den Lockdown und die Wirtschaft. Um die Maskenpflicht. Um Corona-Apps und ob sie verpflichtend auch zum Mitverfolgen unserer Wege (Tracking, Tracing) verwendet werden. Es geht ums Impfen und die Sorge um Zwangsimpfungen. Und so weiter, und so fort.

Diese Demonstrationen sind ein bunter Haufen von Menschen und von Anliegen, Sorgen und Forderungen. So weit, so normal in freien Demokratien. Daß es ab und wann bei Demonstrationen zu Problemen, auch in Auseinandersetzung von Demonstranten mit Polizisten kommt, gehört auch dazu; die Ursachen dafür sind auch vielfältig, pauschale (Voraus-) Urteile sind nicht angemessen.

Am 10. Mai 2020 habe ich mir um 20 Uhr die Tagesschau angesehen.

Aufgefallen ist mir der ca. zweieinhalb Minuten dauernde Bericht in dieser Tagesschau, weil er es geschafft hat, ein Bild der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland zu zeichnen, das mich wirklich beeindruckt hat.

Ich habe ihn mir dann noch zwei Mal angesehen, weil ich wissen wollte, ob ich denn etwas falsch verstanden oder etwas übersehen hatte. Allein, ich blieb beeindruckt.

Ich bitte Sie jetzt um Folgendes:
Ich weiß, daß alles, was Sie später in meiner Auswertung des Nachrichtentextes lesen werden, wirklich subjektiv geschrieben ist. Es sind meine Beobachtungen beim Spazieren durch diese zweieinhalb Minuten der Nachrichtensendung. Ich nenne sie auch konsequent NICHT Analyse, wie ich das sonst bei Redetexten tue, sondern Beobachtungen, Eindrücke beim Spaziergang durch die Bilder und vor allem Sätze, die zu sehen und zu hören waren.

Daher: Bitte schauen Sie sich ZUERST den Beitrag an.

Sie sehen ihn, solange online, hier von 00:02:50 bis 00:05:23

Wenn er nicht mehr online ist, lesen Sie hier das Transkript des Beitrags:

Moderator: Mehrere Innenpolitiker warnen vor einer Zunahme von Verschwörungstheorien in der Coronakrise.

Die Vorstellung, daß die Pandemie bewußt herbeigeführt wurde, um das Volk zu kontrollieren, reiche bis weit in die Mitte der Gesellschaft, sagte Thüringens Innenminister Maier dem Spiegel. Er kündigte an, das Thema bei der nächsten Innenministerkonferenz zu besprechen.

Bekannt wurde jetzt auch ein umstrittenes Papier von einem Mitarbeiter aus dem Bundesinnenministerium.

Moderator: Ein Gegner der Coronamaßnahmen - ausgerechnet im Bundesinnenministerium: Er soll den Umgang mit Covid-19 als globalen Fehlalarm bezeichnet haben.

Seine Privatmeinung habe er mit einem offiziellen Briefkopf verschickt, heißt es in einer Pressemitteilung. Es ist der gleiche Tenor wie bei den Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen, etwa in Erfurt.

Interviewgast, männlich: Ich hol‘ mir meine Informationen aus dem Internet. Das deckt sich nicht mit dem, was ich jeden Tag im Fernsehen und Presse serviert kriege.

Moderator: Ein Blick ins Internet zeigt, wo der Hass herkommt. Verschwörungstheoretiker hetzen derzeit vor allem gegen Bill Gates, der sich weltweit für Impfungen einsetzt und angeblich auch die Regierung und Medien manipuliere.

Im Bild u.a. Bewegtbilder mit Martin Sellner - nicht bei einer Demo, sondern aus einer andern Bildquelle - beim Spazieren und Reden im Grünen. Sein Name wird nicht erwähnt.

Auch Rechtsextremisten wollen vom Protest der Bürger profitieren. Einige ihrer Argumente sind bei den Protesten auf der Straße wieder zu hören.

Insert: Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft

Matthias Quent: Es ist zu befürchten, daß die bisher noch diffusen Proteste dieses heterogenen Spektrums, wo Menschen mit berechtigten Sorgen, Menschen mit Paranoia, mit Verschwörungsvorstellungen teilnehmen, übernommen werden von rechtsradikalen Akteuren, die das in eine Ideologie, in eine politische Kampagne pressen.

Moderator: Auch Bundestagsabgeordnete wie Franziska Brantner von den Grünen kommen immer wieder in Kontakt mit eigenen Anhängern, die mit der Widerstandsbewegung sympathisieren.

Man hört das Signalläuten von Skype und die Abgeordnete ins Handy sagen: Ja, jetzt geh mal dran.

Moderator: Per Telefon und Skype versucht sie zu verstehen, wo die Wut herkommt. In diesem Fall sind es die Ausreiseuntersagungen.

Insert zum Gesprächspartner Jürgen Rink

Jürgen Rink: Ich habe viele Freunde in der Schweiz und habe eine Lebensgefährtin, die in der Schweiz lebt, und wir dürfen uns nicht sehen. Ja? Das geht nicht.

Franziska Gartner schlägt mit der Hand auf den Tisch: Deshalb muß man nicht zu solchen Demos ...

Moderator: Die Bundesjustizministerin sagte im ARD Bericht aus Berlin, die Regierung müsse besser zuhören, besser erklären.

Insert: BJM Christine Lambrecht, SPD

Christine Lambrecht: Ich glaube, das ist eine Aufgabe, die wir noch mehr wahrnehmen müssen. Daß deutlich wird, warum denn bestimmte Einschränkungen, auch wenn wir viele Lockerungen haben, aber warum bestimmte Einschränkungen immer noch da sind.

Moderator: Sicherheitsexperten warnen: Zwar gehe nur eine Minderheit auf die Straße. Die Regierung müsse dennoch die Sorgen vieler Bürger ernstnehmen. Der Protest, angefacht von Verschwörungstheoretikern, könne sich langfristig festsetzen.

Ende des Transkripts.

Lieber Leser! Was ist Ihnen aufgefallen?

Wenn Ihnen etwas fehlte, was war es? Wie nahmen Sie die Faktoren wahr, die in einer Nachrichtensendung eines öffentlich-rechtlichen Senders wichtig sind?

Beispiele: Unterscheidung von Information und Kommentar; Ausgewogenheit; Objektivität; Unterscheidung von emotionaler und sachlicher, moralischer und inhaltlich – argumentativer Ebene?

Haben Sie sich ein Bild gemacht?

Lesen Sie hier, was mir aufgefallen ist (PDF).

Wenn Sie grad keine Zeit haben, sehen Sie hier meine zusammenfassende Skizze zur Kernbotschaft des Tagesschau-Beitrages (PDF).

Bildquelle: ARD Tagesschau.de (Screenshots aus dem Beitrag)


7. Zürich: Gender-Polizei zurückgepfiffen. Mein Gesetzesvorschlag.  

Im Stadtzürcher Gemeinderat gilt künftig kein «Sprachdiktat» mehr. Vorstösse müssen nicht gendergerecht formuliert sein, um behandelt zu werden. Zu diesem Urteil ist der Bezirksrat gelangt,

so berichtet die Neue Zürcher Zeitung.

Die Geschichte ganz vereinfacht erzählt: Jemand hat einen Antrag eingebracht. Er wurde von den Zuständigen schlicht ignoriert. Begründung: Der sog. Vorstoß war nicht gendergerecht geschrieben worden.

Das war denn dann doch zu viel des vermeintlich Guten. Hinfort ist in Zürich das Gendern keine Bedingung mehr dafür, daß ein Ansinnen von wem auch immer, ordnungsgemäß behandelt wird.

Im Detail können Sie die Geschichte HIER lesen.

Meinen Standpunkt kennen Sie. Die grammatikalische, sprachliche und rhetorische Begründung gegen das Gendern in der deutschen Sprache habe ich hier und auf meiner andern Website dynamis.at schon ausführlich ausgeführt. Sie finden das leicht, wenn Sie im Suchfeld das Wort Gendern eingeben.

Legistisch bin ich für eine ganz einfache Gesetzgebung. Für einen liberalen demokratischen Staat und seine freien und mündigen Bürger genügen zwei oder vier Sätze mit allumfassender Wirkung:

§1 Gendergesetz: Jedermann darf immer und überall alles gendern.
§2 Gendergesetz: Niemand darf, auf welchem Wege immer, verpflichtet werden, zu gendern.

Nur zur Sicherheit, damit es keine Ausreden gibt, fügen wir noch zwei Paragraphen hinzu.

§3 Gendergesetz: Die oft angestrebte Einheitlichkeit der Kommunikation in staatlichen und privaten Organisationen darf nie ein Mittel der Umgehung der §§ 1 und 2 Gendergesetz sein.
§4 Gendergesetz: Die §§ 1 bis 3 Gendergesetz umfassen die mündliche und die schriftliche Kommunikation.

Zur Information: In Ungarn müssen wir uns mit derlei Dingen nicht befassen. Es gibt im Ungarischen kein grammatikalisches Geschlecht (Genus). Nicht einmal sie und er sind unterschieden. Beides heißt ő. Nur der eine Buchstabe ő. Sehen Sie? Soeben haben Sie wieder ein neues Wort ungarisch gelernt.

Karikatur von Bernd Zeller gefunden auf openpetition.de

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