News Nr. 1 | 2020

1. Was haben Winston Churchill, Martin Schulz und Boris Johnson gemeinsam?

Nicht nur den Beruf Politiker. Sie haben ein fabelhaftes Gedächtnis und rezitieren für ihr Leben gerne. Es entspannt sie, sagen sie.

Doch der Reihe nach:

In seinem faszinierenden Buch über journalistisches Schreiben - Draft No. 4. On the Writing Process - erzählt John McPhee, was ihm Richard Burton in einem Interview erzählt hat:

An einem Theater in London spielt Burton den Hamlet.

Eines Abends platzt der Theaterdirektor in seine Garderobe:
Gib heute Dein Allerbestes. Der Alte kommt!

Burton: Der Alte? Wen meinst Du?

Der Direktor, sehr angespannt: Was ich noch sagen will, der Alte hat folgende Gewohnheit: Wenn er kommt, setzt er sich immer in die erste Reihe. Und gleich nach dem 1. Akt geht er wieder, immer! Also gib Dein Bestes!

Burton: Der Alte?

Der Direktor: Winston Churchill höchstpersönlich.

Burton steht auf der Bühne. Er gibt sein Bestes. Jedoch, wenn er als Hamlet am Wort ist, rezitiert Churchill denselben Hamlet. Wort für Wort. Fehlerlos und ohn‘ Unterlaß. Einmal synchron, einmal etwas schneller, einmal etwas langsamer.

Das stört Burton natürlich enorm. Und er versucht, ihn loszuwerden, indem er seinerseits das Redetempo immer wieder wechselt. Vergeblich allerdings. Churchill kennt und liebt den Hamlet in- und auswendig. Außerdem, entgegen seiner Gewohnheit: Ausgerechnet an diesem Abend bleibt Churchill bis zum Ende der Vorstellung in seiner ersten Reihe sitzen. Rezitierend wohlgemerkt.

Welch unglaubliche Folge diese Aufführung für Richard Burton Jahre später zeitigen wird, lesen Sie in der englischen Originalversion McPhee – Richard Burton (PDF) dieser großartigen Geschichte. Und ganz nebenbei beobachten Sie die Erzählkunst Burtons, wie er die Spannung steigert und wie er den Dialog wiedergibt. Es ist ein Musterbeispiel für das Erzählen in einer Rede.


Ein anderes Buch möchte ich jedem Politiker und Politikberater der rhetorischen Zunft sehr empfehlen:
Markus Feldenkirchen, Die Schulzstory. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz.

Feldenkirchen ist Journalist und durfte den damaligen SPD-Chef und Kanzlerkandidaten Martin Schulz ein Jahr lang begleiten und beobachten. In seinem Buch lesen wir u.a. immer wieder von Momenten, da Martin Schulz - etwa im Auto sitzend - Gedichte aufsagt, fehlerlos und ohn‘ Unterlaß, viele Gedichte mit vielen Strophen aus der Feder vieler Dichter.

Schulz kann sie alle auswendig. Und er liebt sie. Und er rezitiert sie. Laut. Auch vor Leuten. Meistens, um Druck abzubauen, den Stress abklingen zu lassen, seinen Augen einen Blick auf ganz etwas Anderes zu schenken.

Ein paar Zeilen aus dem Buch, S. 136 (Kontext: bei Dreharbeiten für einen Wahlkampf-Film auf der Museumsinsel in Berlin):

Nach jedem Cut rückt die Schönheitscrew an, pinselt immer wieder neues Puder in sein Gesicht, zupft an der Krawatte und rollt mit dem Flusenroller seinen Anzug ab.

Schulz überbrückt die Langeweile wie gewohnt, indem er Gedichte aufsagt - am liebsten von Eugen Roth oder Friedrich Schiller - oder französische Chansons von Edith Piaf anstimmt.

Sein kürzestes Gedicht ist ein selbst gedichtetes. Es heißt ‚Bauerntod‘ und besteht nur aus einem Wort: ‚Sense.‘

Manchmal singt er so laut, dass ihn sogar die Menschen auf den Decks der vorbeifahrenden Touristendampfer hören können. Sie winken, und Schulz winkt zurück.

Einmal kommt es zu einer Verzögerung im Drehplan, weil Schulz unbedingt noch die 20-strophige Ballade ‚Die Bürgschaft‘ von Friedrich Schiller zu Ende aufsagen will, die er vor 45 Jahren in der Schule auswendig lernen musste. Dies gelingt ohne jeglichen Hänger. ‚Ich bin ja, wie Sie wissen, nicht ganz dicht‘, sagt er zu den Crewmitgliedern, als er fertig ist. ‚Ich kann nichts vergessen.‘

Gedichte zu zitieren helfe ihm. Druck abzubauen.


Der Dritte im Bunde der Literaten: Boris Johnson, der Nachnach…folger von Winston Churchill im Amte des Ministerpräsidenten des Königreiches vulgo Brexitannien.

Wer ihn nur aus den Medien, noch dazu nur aus unsern Medien in Deutschland und in Österreich (ver-)kennt, rechnete damit nicht.

Mitten in einer Talkshow erzählt er in lustigen Bildern über hungrige Krokodile, was er tut, wenn er nichts zu tun hat. Er rezitiert, was er je auswendig gelernt und verinnerlicht hat.

Die Moderatorin reizt das. Und sie reizt ihn. Sie bringt ihn dazu, doch etwas zu rezitieren, hier und jetzt in der vollen Halle und vor einem Millionenpublikum.

Mister Johnson läßt sich nicht zwei Mal herausfordern. Und er ergreift das Wort und er tut’s. Er tut’s auf Griechisch. Auf Altgriechisch. In Oxford-Altgriechisch.

Musik in meinen Ohren, weil ich auch Altgriechisch gelernt hatte und noch nie britisches Altgriechisch vernommen habe. Es ist ein einziger Genuß.

Ganz nebenbei: es ist auch sehr lustig, wie die automatisierte youtube-transcription auf Altgriechisch reagiert.

So war es auch für das Publikum. Sie hören es im Video jubeln und johlen vor lauter Begeisterung, angesteckt vom begeisterten Boris, der - wie man sieht - seinen Ilias aus Homers Feder nicht nur kann, sondern auch versteht und mimisch und in Gestik und Melodik so aufführt, daß Winston Churchill Lust bekommt, neben Shakespeare noch den alten Homer auswendigzulernen.

Mein Tipp für Ihre Rede:

Falls Sie etwas Schönes auswendig können, weil sie es lieben, wirklich lieben, und wenn es paßt, warum das nicht vortragen? Macht man das gut und mit Leidenschaft, ist das für Ihre Hörer eine sensationelle Überraschung mit dem berühmten „Wow-Effekt“, für den Sie einen riesigen Applaus ernten werden. Schalten Sie das fade PowerPoint aus und trauen Sie sich was Spannendes!

Aber jetzt genießen Sie den Boris Johnson:

Bildquellen: Churchill: atlasobscura.com | Schulz: DW.com | Johnson: time.com


2. Winston Churchills beste Sager

Zum Zitieren empfohlen, wobei für manche der Zitate beide, Redner und Audienz, abgesehen von der passenden Gelegenheit beides brauchen: Humor und Mut.

Churchill über die Wahrheit

"A lie gets half way around the world before the truth has a chance to put its pants on."

"Once in a while you will stumble upon the truth but most of us manage to pick ourselves up and hurry along as if nothing happened."

Churchill über den Tod

"I am ready to meet my Maker. Whether my Maker is prepared for the ordeal of meeting me is another matter."

Churchill über Demokratie

"The best argument against democracy is a five-minute conversation with the average voter."

Churchill über Politiker

"Show me a young Conservative and I'll show you someone with no heart. Show me an old Liberal and I'll show you someone with no brains."

Churchill über Pedanterie

Having read a civil servant's memo decrying the habit of ending sentences with prepositions, Churchill followed the instructions to the letter. In the margin he scrawled:

"This is the kind of tedious nonsense up with which I will not put!"

Churchill über Amerikaner

"You can always count on Americans to do the right thing—after they've tried everything else."

Churchill über Worte

"We are masters of the unsaid words, but slaves of those we let slip out."

Churchill über Mut

"Courage is what it takes to stand up and speak; courage is also what it takes to sit down and listen."

"You have enemies? Good. That means you’ve stood up for something, sometime in your life."

Churchill über sein Vermächtnis

"History will be kind to me for I intend to write it."

Churchill über das Trinken

The precise wording of the quotation varies, but when told that he was drunk, Churchill is supposed to have replied:

"I am drunk today, madam, and tomorrow I shall be sober, but you will still be ugly."

When Lady Astor said to him, "If I were married to you, I'd put poison in your coffee!" Churchill is supposed to have replied:

"If I were married to you, I'd drink it." But according to the Churchill Centre that quotation is apocryphal.

Churchill über Brüste

While being served a cold chicken lunch in America, Churchill asked the hostess:

"May I have some breast?"

"Mr Churchill," she replied, "In this country we ask for white meat or dark meat."

The next day Churchill had an orchid delivered to her, along with the message:

"I would be obliged if you would pin this on your white meat."

Churchill, als er gerade gestört wurde

When told that the Lord Privy had come to see him while on the toilet:

"Tell the Lord Privy Seal that I am sealed in the privy and can only deal with one s*** at a time."

Quelle: theweek.co.uk | Bildquelle: unternehmer-portal.net


3. Loriot vor 40 Jahren. Diesmal ganz im Ernst, über Information und Manipulation.

Loriot formuliert druckreif & präzise, wann seiner Überzeugung nach Nachrichtensprecher unprofessionell und wann sie professionell arbeiten.

Geschichtlich interessant, daß dies schon 1979 ein brisantes Thema war.

Inhaltlich eindeutig. Er legt offen, aus wessen Interesse heraus er spricht (dem des Fernsehkunden) und welchen Qualitätsmaßstab er an die TV-Nachrichteninformation legt: Professionalität zeigt sich in der Ausgewogenheit der Information.

Rhetorisch brillant. Klare Ansage mit klarem Anspruch, scharfer Klinge, spannend pointiert. Daß er auch den Nerv trifft, zeigt das verlegene Lachen der überraschten Moderatorin der Talk-Show.

Beispielhafte Zitate, willkürlich ausgewählt:

Insgesamt aber ist der richtige Platz eines Fernsehmachers zwischen allen Stühlen – jawohl - und nicht auf denselben.

Wenn einer im Fernsehen das Unmögliche nicht leisten kann, dann soll er es lassen.

 


4. Über einen lieben Rabbiner, der niemandem widersprechen konnte.

Tun Sie sich auch schwer, jemandem zu widersprechen, gegen zu argumentieren oder nein zu sagen?
Weil Sie eher scheu und schüchtern sind? Weil Sie zum Opportunismus neigen? Oder weil Sie niemandem weh tun wollen? Oder weil das schlicht mühsam ist?

Vielleicht ermutigt Sie die Anekdote, die ich beim Lesen gefunden habe.

Martin Schulz erzählt sie, als er darüber reflektiert, ungern nein zu sagen. Oft hätte er doch Kollegen oder Beratern widersprechen und seinem eigenen Instinkt folgen sollen.
Und dann sagt Schulz zu den Leuten um sich herum, er sei ein bißchen wie der Rabbiner aus einer berühmten Geschichte.

Als ein Nachbar zum Rabbiner kommt und sich über den andern Nachbarn beschwert, sagt ihm der Rabbiner: ‚Du hast recht.‘
Dann kommt der andere Nachbar und beschwert sich ebenfalls. Auch ihm gibt der Rabbiner recht.
Schließlich sagt seine Frau zum Rabbiner: ‚Du kannst doch nicht sagen: Der hat recht und der hat recht.‘
Da sagt der Rabbiner: ‚Da hast du recht.‘

Wenn Sie dem lieben Rabbiner ähneln: Ich wünsche Ihnen Mut, im Anlaßfall doch zu widersprechen, gegen zu argumentieren oder nein zu sagen.

Das tut Ihnen gut. Und das tut Ihren Kollegen und Mitarbeitern gut, wenn Sie führungsverantwortlich sind im Unternehmen oder im Projekt, das Sie leiten.

Einzige realistische Ausnahme: Unternehmen, Konzerne, die eine miserable Führungskultur haben. Da ist die Lieber-Rabbiner-Methode durchaus eine Überlebensstrategie, wenn denn eine berufliche Veränderung gerade unmöglich ist.

Quelle des Zitats: Markus Feldenkirchen, Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz, S. 213
Bild-Quelle: juedische-allgemeine.de


5. Unaussprechliches

Beim Redenschreiben und Einüben von Reden mit Klienten muß ich immer wieder Alternativen, Synonyme für bestimmte Wörter suchen, weil sie der Redner einfach nicht gut aussprechen kann.

Deshalb ist mir diese Überschrift im Internet ins Auge gestochen:

Was viele Menschen nicht aussprechen können.

Praktischer Tipp für Sie, wenn Sie diese Liste von schwer aussprechbaren Wörtern jetzt sehen: bitte lesen Sie sie gleich laut! Dann bemerken Sie bei dem einen oder andern Wort, daß Sie beim ersten Versuch tatsächlich drüberstolpern. Beim zweiten Versuch klappt es dann schon. Oder Sie müssen jemand fragen: Wie spricht man das aus?

Beim Lesen bemerken Sie dann noch etwas eher Hintergründiges in diesem Tweet:
Die letzten 4 Beispiele sind zwar sehr leicht auszusprechen und doch tun sich viele sehr schwer damit.

(Bild-)Quelle: schwarzer-kaffee.com

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