News Nr. 2 | 2019

1. Ein lapsus linguae aus hohem Munde

Annegret Kramp-Karrenbauer moderiert eine wichtige CDU-Versammlung.
Und sie liefert gleich zu Beginn ihren ersten großen, aber eh total harmlosen lapsus linguae.

Wie die neu gewählte Vorsitzende der CDU ihre eigenen Parteimitglieder hier tituliert, ist lustig. Für Schadenfreude kein Anlaß – so etwas kann jedem passieren.

Andererseits sei an Sigmund Freud und die gleichnamige Fehlleistung erinnert. Die gibt’s nicht nur beim Reden, sondern wohl auch beim Hören.

Wie lange haben die hohen Damen und Herren der CDU gebraucht, daß sie das überhaupt kapiert haben?

Mein kleiner Tipp am Rande: passiert Ihnen einmal so etwas wie der AKK, dann winden Sie sich nicht mit einer ernsten Rechtfertigung, sondern hauen Sie was Selbstironisches nach. Denn wer über sich lacht, lacht am besten. Und das lieben alle am meisten.


2. Mit Gendern Gold gewinnen! Die Wette gilt!

Geld mag ich sehr. Gold noch mehr. Daher hat mich dieser Aufruf neugierig gemacht: Goldmünze zu gewinnen!

Obwohl seit 2017 (!) online, hat die Goldmünze noch niemand gewonnen! Denn noch niemand hat die Lösung dieses Rätsels von Herrn Ernst Kammerer gefunden:

Zu gewinnen gibt es eine Goldmünze (1/4 Unze Gold) für den Ersten, der mir nennen kann, wie in der deutschen Sprache das männliche Äquivalent zu der explizit weiblichen Endung „-in“ lautet.

Da ich diese Goldmünze mangels Lösungskompetenz für dieses Rätsel nicht gewinnen kann, gebe ich Ihnen hier gerne den Link zur Wette weiter. Sie gilt bis zum 30. Juni 2019.

Bildquelle: © muenzeoesterreich.at


3. Kevin Spacey – Let Me Be Frank

1 Rede. 3 Minuten. 10 Millionen Aufrufe. Wie macht er das?

Was macht die gewaltige Wirkungskraft dieser Rede aus?
Was ist das Geheimnis?

10 Millionen 312 Tausend 3 Hundert 16!
So viele Aufrufe hat dieses Video seit dem 24.12.2018 schon gezählt (Stand: 17.02.2019).

Das hat sicher nicht nur daran gelegen, daß es um eine gepushte Kampagne rund um das unselige #metoo gegangen ist.

Und sicher nicht nur daran, daß der Redner ein weltberühmter Schauspieler ist, der in der Netflix-Serie House of Cards den US-Präsidenten Frank Underwood (auf dessen Name der Titel der Rede anspielt) mimt und den man sofort nach Erheben der Vorwürfe aus der Serie eliminiert hat.

Es kann auch nicht nur an der wirklich grandiosen Inszenierung dieser 3-Minuten Produktion liegen, die ich hier nicht im Detail beschreiben will, weil Sie sie ohnehin gleich (wieder) sehen werden. Nur ein kleines Detail erwähne ich für diejenigen unter Ihnen, die die Serie nicht kennen.

Um den raffinierten, ja diabolischen und machiavellistischen Charakter dieses US-Präsidenten zu verdeutlichen, hat man mitunter einzelne Sequenzen angehalten. Frank Underwood ist dabei aus der Handlung ausgestiegen, hat in die Kamera – also in unsere Augen – geschaut und seine hintergründigen Gedanken eben zur aktuellen Szene mitgeteilt und uns damit an seinen Überlegungen und Motiven teilhaben lassen.

Es ist dieses Stilmittel, das er in der jetzigen Rede verwendet. Seinen Fans ist das gut vertraut. Der Anspruch, der dahintersteht: Jetzt sind wir ganz unter uns und ich erzähle Euch meine innersten Gedanken, meine wahren Motive und ich gebe Euch meine innere Überzeugung preis.

Zurück zu meiner Hauptfrage heute.

Was ist nun der Hauptgrund für die gewaltige Macht und Wirkung dieser Rede?

Es ist die ungeheure Dichte des Dialogs mit uns. Ich habe so eine Dichte in einer Rede von nur drei Minuten nur selten oder vielleicht noch gar nie erlebt. Ich zeige sie Ihnen jetzt optisch. Öffnen Sie einmal dieses Papier (PDF) hier und kommen Sie gleich wieder zurück.

Sie sehen, daß ich zuerst den Text der Rede zu Papier gebracht habe. Redeanalysen gelingen besser, wenn wir nicht nur hören, sondern auch sehen, nämlich die gehaltene Rede transkribiert.

Ich bin dann meiner ursprünglichen Vermutung auf die Spur gegangen. Meine Vermutung war, daß Herr Spacey eine geradezu unheimliche emotionale Bindung aufgebaut hat zwischen sich und uns. Und zwar von der allerersten Sekunde an. Und diese Verbindung hat er nie losgelassen. Kein einziges Mal. Bis zum allerletzten Satz ist er an uns drangeblieben.

Die Visualisierung hat meine instinktive Vermutung bestätigt. Ich habe alle Personalpronomina eingeringelt und mir das Blatt dann nur angesehen. So, wie Sie es jetzt auch gesehen haben. Unglaublich viele Ringerln. I, You, You and I und dazu We, aber nur drei they.

Ergebnis in Zahlen:

  • 33 x I, me, my
  • 26 x you (inkludiert 3 x das emotional ganz starke you and I, das ist stärker als we)
  • 9 x we
  • 3 x they
  • In Summe 71 x Personalpronomina auf 1 Seite. Davon nur 3 they.
Diese dialogische Dichte macht die Vollmacht und die Wirkungskraft dieser Rede.

Ich nehme noch zwei Details unter die Lupe, die auch mit der außergewöhnlich hohen Frequenz der Personalpronomina zusammenhängt.

Die Wirkungskraft einer Rede hängt immer auch mit folgenden beiden Fragen zusammen:

  1. Was tut innerhalb der Rede jemand konkret? Je klarer der Redner es erzählt, desto stärker die Wirkung.
  2. Wie lauten der allererste Satz und der allerletzte Satz der Rede? Je besser, treffender diese Sätze, desto stärker die Wirkung der ganzen Rede.

Ich zitiere nur aus der Rede. Bitte lassen Sie das auf sich wirken, dann brauchen Sie keine weiteren Anmerkungen von mir. Sie spüren es selbst. Stellen Sie sich nun vor, er sagt das tatsächlich jetzt zu Ihnen persönlich.

Zu Punkt 1:

  • I told you.  
  • I showed you.
  • I shocked you.
  • I challenged you.
  • I made you think.
  • I know what you want.
  • I can promise you.
  • You trusted me.
  • You knew.
  • You want me back.
  • You loved it.
  • You will know.
  • You never ... saw me die.
  • [You] Miss me?
  • We shared everything, you and I.
  • We're not done.
  • We're not afraid.
  • We said.
  • We did.
  • We're still not afraid
  • You and I know.
  • You and I have learned.

Zu Punkt 2:

a) I know what you want. Ganz am Anfang – ohne jede Floskel davor.
b) Miss me?  Ganz am Schluß – ohne jede Floskel danach.

Stellen Sie sich vor, Sie würden – natürlich muß es zum Anlaß und zum Wirkungsziel passen – den Satz a) am Anfang und den Satz b) am Ende Ihrer Rede sagen und Ihren Hörern dabei auch wirklich in die Augen schauen! Spüren Sie, wie brisant, wie mutig und wie unglaublich stark das ist? Das mußt Du Dich erst einmal trauen.

Liebe Leser!

Jetzt schauen Sie sich diese Rede unter diesen rhetorischen Blickwinkeln noch einmal ganz genau an. Wer weiß? Vielleicht entdecken Sie sogar noch etwas, das ich bisher übersehen habe.

Sie und ich wissen: Reden ist fürwahr ein spannend‘ Ding!

PS: Was mich vor Neugier platzen läßt: Wer hat diese Rede geschrieben? Herr Spacey persönlich? Oder ein Redenschreiber? Ich sag’s gleich, ich war’s nicht!
Aber ich könnte es gewesen sein. Wollen Sie demnächst eine Rede halten, die auch wirklich wirkt? Stark? Ich bin Ihr Mann! Anruf oder E-Mail genügt. Willkommen an Bord!

Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.

Bildquelle: serienjunkies.de


4. Greta Thunberg – wie redet sie eigentlich? Das Phänomen ihrer Rhetorik. 

Die Schülerin aus Schweden ist schon mit ihren 16 Jahren weltweit in aller Munde. Sogar für den Friedensnobelpreis haben sie sie schon vorgeschlagen.

Was hat sie getan?

Sie hat Reden gehalten! Nicht mehr und nicht weniger.
Rhetorikerherz, was willst Du mehr?

Aber wie redet nun Greta Thunberg? Wie gelingt ihr ihr Auftritt vor vielen tausend Menschen, vor höchster Prominenz und vor Millionen Fernsehzuschauern aus der Sicht eines Rhetorikexperten?

Was zeichnet ihre Reden aus?
Wie legt Greta Thunberg ihre Reden strategisch und psychologisch an?
Wie ist die fulminante Wirkung ihrer Reden zu erklären?

Ich habe sechs ihrer Reden genauer unter die Lupe genommen und bin dem Geheimnis der Rhetorik Greta Thunbergs auf die Spur gekommen.

Unmittelbar hier finden Sie nur den abschließenden Abschnitt meiner Untersuchungen.

Wirklich erschließen tut sich das Phänomen der Rhetorik Greta Thunbergs nur dem, der beides ganz liest:

  1. Die Transcripte der untersuchten Reden (PDF)
  2. und meine Erkenntnisse, hier in den Rhetorischen Beobachtungen (PDF).

Das Phänomen der Rhetorik von Greta Thunberg

Das Phänomen liegt in der Paradoxie ihrer Rhetorik.

Die, die sie brutal anklagt und denen sie ultimativ droht, sind dieselben, die ihre Position ohnehin seit Jahren vertreten.

Sie zeiht diejenigen der absoluten Untätigkeit, die tatsächlich bereits viele ihrer eigenen Positionslogik folgenden Maßnahmen eingeleitet (Pariser Abkommen et al.) und zum Teil umgesetzt haben.

Auf jeden Fall haben sie den Glauben daran, daß der Mensch den Klimawandel verursacht hat und ihn wieder stoppen kann, in die Schulen und Medien gebracht, wo er seit vielen Jahren mit exklusivem Wahrheitsanspruch gepredigt wird.

Nur graduell, nicht aber prinzipiell, ist die Rednerin schärfer, radikaler, extremer, unbarmherziger, mehr Opfer fordernder (Stichwort Gesinnungsethik).

Greta Thunberg steht also im Einvernehmen und im Einklang mit den meisten der von ihr Angeklagten in der westlichen Welt. Ohne die aktuelle ideologische Ausrichtung der Schulen und Universitäten in der westlichen Welt gäbe es die Friday For Future – Demonstrationen  ja gar nicht.

Ich weise auf weitere wichtige Paradoxien hin, die bei den Hörern ihrer Reden zu sehen sind.

Dieselben, die Greta Thunberg eingehend und im Detail der Mittäterschaft beschuldigt (Rede Goldene Palme), applaudieren ihr zu, sie (zumindest mimisch) geradezu anhimmelnd. Aber nicht alle, wie man auch sieht.

Und wenn wir die vielen Schüler sehen und beobachten, wie fröhlich sie lachen, steht das nicht in schreiendem Widerspruch zu der großen Angst, ja Panik, die sie angesichts des lodernden Feuers und des in 11 Jahren endgültig eintretenden Untergangs der Erde ergreifen müßte?

Freilich: Die Reden Greta Thunbergs kann man und darf man nicht losgelöst von der Kampagne hinter ihr bewerten. Die fulminante Wirkungsgeschichte ihrer Auftritte verdankt sie schließlich der Multiplikation durch so gut wie alle Medien.

Sie haben in Bezug auf den Klimawandel eine Mehrheitsmeinung und vor allem -stimmung erzeugt,  deren Einfluß und Energie Greta Thunberg nutzt und die sie wiederum weiter befördert.

Sich diesem Sturm oder Sog zu entziehen, scheint vielen nicht einmal mehr als theoretische Option der menschlichen Ratio in den Sinn zu kommen.

Kampagnenstrategisch und rhetorisch-handwerklich ist Greta Thunberg ausgezeichnet unterwegs. Entwickelt sie sich weiter, wird sie eine handwerklich Große unter den Rednern werden.

Vor solcher Prominenz, vor so vielen Menschen und vor Millionen von Fernsehzuschauern so gut aufzutreten und so geschickt zu reden, ist für ein junges Mädchen wie Greta Thunberg es ist, eine unglaublich große Leistung.

Behält man nüchtern die Geschichte der Rhetorik im Blickfeld, sieht man natürlich auch die zweite Seite der Medaille:

Gesellschaftlich und politisch erinnern uns rhetorische Phänomene natürlich an andere geniale Kampagnen und vermeintliche Lichtgestalten, denen viele gefolgt und denen noch viel mehr Menschen, Staaten, Kulturschätze und Infrastruktur zum Opfer gefallen sind.

Rhetorik ist ein gefährlich‘ Ding, sage ich frei nach Martin Luther.

Das war nur der letzte Abschnitt der Rhetorischen Beobachtungen von Reden von Greta Thunberg. Ich empfehle Ihnen, die Beobachtungen ganz zu lesen (PDF).

© Foto Thunberg und Juncker: REUTERS, Bildquelle: Spiegel.de


5. Eine Rede vor 50 Jahren – als wäre sie von heute. Enoch Powells Rivers of Blood – Speech.

Wir schreiben das Jahr 1968 und sind in Birmingham, um einen Abgeordneten des britischen Parlaments und das Mitglied im Schattenkabinett des Konservativen Edward Heath zu hören.

Wegen der fulminanten Aufmerksamkeit, die dieser Rede zuteil wird, hat sie bald einen Namen:

The Rivers of Blood  - Speech.

Der Redner heißt Enoch Powell (1912 – 1998). 

Like the Roman, I seem to see ‚the River Tiber foaming with much blood‘.

Diesem Virgil zitierenden Satz gegen Ende seiner Rede verdankt die Rede ihren Markennamen. 

Thema dieser Rede sind die ernsten Folgen der massenweise Immigration aus den Commonwealth – Staaten in das Vereinigte Königreich und die aus Überzeugung Powells unbedingt und unverzüglich zu ergreifenden Maßnahmen zur Abwendung großer Not.

Rhetorisch ist diese Rede ausgezeichnet. Sie finden weiter unten meine Analyse dieser Rede, die das „ausgezeichnet“ substantiell und detailliert begründet.

Historisch ist diese Rede hochinteressant, weil sie hochaktuell ist. Die Rede Powells ist geradezu prophetisch. Die Zahlen und Details haben sich geändert, das Thema, die Dringlichkeit und die Zukunftsaussichten bei Nichthandeln sind heute spätestens seit 2015 dieselben wie damals 1968.

Wirkungsgeschichtlich ist diese Rede ebenso frappierend mit der heutigen Reaktionskultur in Medien und Politik vergleichbar. Eine sachliche Auseinandersetzung über diese Themen darf schon vor 50 Jahren nicht stattgefunden haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ich hole aus: Enoch Powell hat diese Rede 1968 vor einer Versammlung seiner Conservative Party in Birmingham gehalten. Enoch Powell war damals bereits ein verdienter, lang gedienter und im ganzen Land hochbekannter Politiker.

Laut Berichten hat Powells Rede große Dankbarkeit in weiten Teilen der Bevölkerung ausgelöst, in der eigenen Partei waren die Meinungen in der Sache einhellig, in der möglichen Auswirkung differierend. Langer Rede kurzer Sinn: Edward Heath hat ihn mit folgender Begründung aus seinem Schattenkabinett (übrigens gegen den Rat Margret Thatchers!) entlassen:

I dismissed Mr Powell because I believed his speech was inflammatory and liable to damage race relations. I am determined to do everything I can to prevent racial problems developing into civil strife ... I don't believe the great majority of the British people share Mr Powell's way of putting his views in his speech.

Ein Unglück kommt selten allein. Das besondere Pech Powells war, daß er an ein Detail keine einzige Sekunde lang gedacht hatte: an das Datum der Rede: 20. April. Und daraus – und das ist auch heute noch dasselbe – haben sie ihm den Strick gedreht.

Gute Redner wissen, daß der Preis für gute Reden manchmal sehr hoch ist. Das ist nicht nur in der Politik so. Das ist auch in Konzernen so und in Institutionen, überall dort, wo die Interessen woanders liegen als in Leitbildern und in PR-Broschüren derselben beschrieben.

  1. Lesen Sie hier die Rede in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung: PDF Transcript. Die Absätze sind nummeriert.
  2. Die Analyse der Rede (PDF) nimmt auf die Zählung der Absätze im Transript bezug.
  3. Das o.a. Zitat Edward Heath und weitere Details über die Geschichte dieser Rede sehen Sie auf Wikipedia.
  4. Video-Ausschnitte der Rede, die nur zum Teil aufgezeichnet und dann leider mit dramatisierender Musik unterlegt wurde, sehen Sie hier:



  5. Die ganze Rede hören Sie hier: 

Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.
Bildquelle Enoch Powell: eng.wikipedia.org


6. MINT – Wie darüber REDEN?

MINT ist die Abkürzung für die Fächer, für die wir viel mehr Propaganda brauchen: Mathematik – Informatik – Naturwissenschaften – Technik.

Wir brauchen in den MINT-Fächern Redner und Schreiber, die die Erkenntnisse dieser Fächer so formulieren, daß sie Laien auch verstehen können.

Ich präzisiere: … wenn die Laien die neuen Erkenntnisse nicht verstehen können, sie allerdings wenigstens spüren, welch unglaubliche Dinge sich in der Schöpfung und in weiterer Folge in der Technik tun. 

Wenn sie die MINT-Wunder kraft guter Reden guter Naturwissenschafter und Techniker spüren, auch ohne die Dinge sofort rational und logisch ganz zu verstehen, dann erleben auch die Laien etwas, was Menschen von Babyalter bis zum Greisenalter gerne erleben: sie staunen. Wenn ich einem Naturwissenschafter eine Rede vorbereiten helfe, frage ich ihn, ob wir das als ein Mindestwirkungsziel formulieren dürfen: 

Ich will, daß meine Hörer darüber staunen, was wir da entdeckt haben.

Wer Menschen staunen lassen will, formuliert von vornherein anders und tut sich leichter, erzählend zu erklären. 

Jeder staunt gerne. Staunen ist schön. Und der Effekt? Wer staunt, wird neugierig. Und er sucht weiter. Er will erkennen, wissen, erfahren, was da los ist. Und das eine und andere wird er dann doch auch rational zu verstehen beginnen. Und dann auch fähig sein, anderen davon zu erzählen, seinen Kindern zum Beispiel. Darum kann dann das Hauptwirkunsgziel der Rede sein: 

Ich will, daß meine Hörer die Dinge so verstehen, daß sie sie dann auch weitererzählen können. 

Wenn MINT-Wissenschafter Menschen staunen lassen, dann tun sie das in dem Maße gut, in welchem sie Vergleiche machen und Beispiele erzählen. 

Es ist ganz normal, daß wir Vergleiche, Bilder, Beispiele brauchen, wenn wir etwas Neues auch verstehen wollen. 

Gute Redner investieren viel Anstrengung ins Suchen von guten Beispielen, die aus dem Leben gegriffen sind. Oder solche Beispiele, die an das grundlegende Allgemeinwissen anknüpfen, das man durchaus voraussetzen darf und soll. Denn Achtung: Niveau muß immer sein! Wehret der billigen Populärwissenschaft! 

Ich habe ein Interview entdeckt, das wirklich gut ist, weil der Chemieprofessor, eine geniale Kapazität, hier hohes Niveau gehalten und wissenschaftlich seriös informiert hat, und zwar in einer so sympathischen und spannenden Erzählweise, daß ich es Ihnen zeigen will. 

Wie ich darauf gestoßen bin? Zugegeben, mich hat beim belanglosen Herumsurfen die Schlagzeile gereizt, die auf dieser Massenwebsite wohl manipulativ sein muß, damit meinereiner weiterklickt: 

„Wir sind nicht allein im Universum“

...war die große fette Schlagzeile.
Dieser Zweck heiligt dieses Mittel, zumindest auf orf.at. 

Es geht dann freilich nicht wirklich um die Außerirdischen. Nur am Rande. Es geht um etwas, von dem ich (Asche über mein Haupt) nicht gewußt habe, daß das sogar eine eigene wissenschaftliche Disziplin ist: supramolekulare Chemie. 

Der hochdekorierte Nobelpreisträger Jean-Marie Lehn erzählt im Interview hauptsächlich tatsächlich von dieser supramolekularen Chemie. Und ich bin dran geblieben. Aus einem einzigen Grund: Der Mann hat das wirklich gut erklärt. 

Wissen Sie, inwiefern? Weil der Mann sich wohl immer die Arbeit angetan hatte, seine Erkenntnisse aus Fachchinesisch in eine allgemein verstehbare Sprache zu übersetzen und gute Beispiele zu bringen. Nach Jahrzehnten guter didaktisch-rhetorischer Arbeit hat er wohl mittlerweile viele Beispiele parat, wenn er sie braucht. Die Arbeit in jungen Jahren hat sich gelohnt. 

JEDE REDE SEI IMMER EINE DIENSTLEISTUNG! DAS IST MEIN 1. RHETORISCHES GRUNDGESETZ!

Und Jean-Marie Lehn ist eines der großen Vorbilder, die dieses rhetorische Grundgesetz erfüllen: 

REDE SO, DASS SICH DEINE HÖRER LEICHT DABEI TUN, DIR GERNE ZUZUHÖREN! 

Als kleines Beispiel hier die Antwort von J.-M. Lehn auf die Frage eines Reporters, was denn supramolekulare Chemie sei:

Zunächst muss man sagen:
Supramolekulare Strukturen hat es immer gegeben – und die supramolekulare Chemie ist einfach das Studium dieser Strukturen.

Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel:
Ein Molekül Wasser besteht aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom, HOH. 
Ein isoliertes Molekül Wasser kann nicht gefrieren, es kann nicht sieden, es hat keine Viskosität und keinen Brechungsindex. 
Ein Glas Wasser hat das alles. Es gefriert, siedet, es hat eine Viskosität und einen Brechungsindex.

Was ist der Unterschied? 
Es ist die supramolekulare Struktur: Ein Glas Wasser ist ein Ensemble von Molekülen, die miteinander in Wechselwirkung stehen.
Das ist eine höhere Stufe der Komplexität – und deshalb entstehen hier Eigenschaften, die es bei einem einfachen Molekül nicht gibt. 

MINT – Männer, MINT – Frauen: redet, schreibt! Redet gut, schreibt gut! Gut in meinem Sinne hier!

Interview mit Jean-Marie Lehn

Für den Fall, daß es nicht mehr online ist, finden Sie es hier herauskopiert: Kopie des Interviews (PDF)

Bildquelle Jean-Marie Lehn: http://isis.unistra.fr/

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